50 Jahre deutsch-italienisches Anwerbeabkommen....... „Ich erinnere mich an den Tag, als ich wegfuhr“ – Begegnungen mit italienischen Migranten in Deutschland

Vor fünfzig Jahren wurde am 20. Dezember 1955 das Anwerbeabkommen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Italien abgeschlossen. Ca. vier Millionen Italiener sind seit 1955 nach Deutschland gewandert, in der Regel um ihrer wirtschaftlichen Notlage in Süditalien zu entkommen. Mit 550.000 Personen stellen die italienischen Staatsbürger nach den Türken die zweite Ausländergruppe in Deutschland dar. Von den vier Millionen Italienern sind ca. 89% nach Italien zurückgekehrt. Diese Italiener, die nach teilweise längeren Aufenthalten in Deutschland nach Italien zurückgekehrt sind, und die vielen privaten Beziehungen, die sich über die Jahre zwischen Italien und Deutschland entwickelt haben, stellen eine wichtige soziale und kulturelle Brücke der Völkerverständigung dar.

Die Botschaft hat diesen 50. Jahrestag zum Anlass genommen, um in vier Veranstaltungen in Süditalien, in Zentren der Migration nach Deutschland, ehemaligen Migranten die Möglichkeit zu geben in öffentlichen Veranstaltungen über ihre Erlebnisse in Deutschland zu erzählen. Diese Initiative findet in Zusammenarbeit mit den italienischen Patronati in Kampanien, auf Sizilien, in Kalabrien und in Apulien statt und ist auch als Geste der Anerkennung für die Aufbauleistung vieler Italiener in Deutschland zu verstehen.

Am 20. Dezember 1955 unterschrieben Bundesarbeitsminister Storch, Botschafter von Brentano und der italienische Außenminister Martino in Rom das bilaterale Anwerbeabkommen. Damit sollte die Zuwanderung italienischer Migranten nach Deutschland über Anwerbebüros der Bundesanstalt für Arbeit in Italien organisiert werden. Es wurde eine bilaterale Kommission gebildet und Anwerbebüros, zunächst eines in Mailand/Verona und 1960 ein zweites in Neapel, eröffnet. Weil sich diese Verfahrensweise als zu umständlich erwies, erfolgte die tatsächliche Migration zunehmend auf dem direkten Weg über die Anreise nach Deutschland und eine dortige Vermittlung durch die Arbeitsämter. Dieser Weg setzte sich auch mit der Etablierung der Arbeitnehmerfreizügigkeit (am 1. Januar 1958 trat der EWG-Vertrag in Kraft) voll durch.

Ca. vier Millionen Personen mit italienischer Staatsbürgerschaft sind seit 1955 nach Deutschland zugewandert. Das Jahr der größten Zuwanderung war 1965 mit ca. 270.000. In den 80er und 90er Jahren schwankte die Zuwanderung zwischen 30.000 und 50.000. In den letzten Jahren liegt sie bei unter 30.000. (s. Tabelle in Anlage) Ca. 89% der über vier Millionen Migranten kehrten nach Italien zurück. Am 31.01.2004 lebten in Deutschland 548.194 italienische Staatsbürger.  
Auch wegen der inzwischen weitgehend erfolgten Familienzusammenführung sind nur noch weniger als 40% erwerbstätig. Die Erwerbstätigenstruktur der in Deutschland lebenden Italiener hat sich erheblich geändert. Nur 82% sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt (177.000) jedoch 18% selbständig (38.000). Die Arbeitslosigkeit in Deutschland betrifft insbesondere die niedrig Qualifizierten. Die Arbeitslosenquote von Italienern ist mit 18% sehr hoch. Ein großer Teil der italienischen Staatsbürger in Deutschland gilt als gut integriert. Im Durchschnitt leben sie schon 22 Jahre in Deutschland.
Ein immer geringerer Anteil hat die Absicht, nach Italien zurückzukehren. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass sich inzwischen in Deutschland festgefügte verwandtschaftliche Netzwerke und stabile Wohnverhältnisse herausgebildet haben. Ein Drittel der in Deutschland lebenden italienischen Männer heiratet eine deutsche Frau. Die derzeitige Situation ist durch eine vergleichsweise geringe Wanderungsbewegung, dafür durch vielfältige grenzüberschreitende private Beziehungen geprägt.

Im Rahmen von mehreren Veranstaltungen in Süditalien werden ehemaligen italienischen Migranten die Gelegenheit gegeben über ihre Arbeits- und Lebenserfahrungen in Deutschland zu erzählen. Diese Initiative findet in Zusammenarbeit mit den in der Arbeitnehmerberatung in Italien und für Migranten auch in Deutschland tätigen vier größten Patronati ACLI, INAS-Cisl, INCA-Cgil und ITAL-Uil statt. Es wurden in den Regionen Kampanien, Sizilien, Kalabrien und Apulien vier kleine Städte mit starker Migration nach Deutschland ausgewählt. Im Mittelpunkt der eher volkstümlichen Veranstaltungen stehen Interviews mit ehemaligen Migranten. Ein kleines kulturelles Rahmenprogramm ist ebenfalls vorgesehen. Der Botschafter bzw. der Generalkonsul aus Neapel werden Grußworte sprechen. Staatspräsident Ciampi hat dieser Veranstaltungsreihe seine Schirmherrschaft verliehen. Diese Initiative steht unter dem Motto: <<„Ich erinnere mich an den Tag, als ich wegfuhr“ – Begegnungen mit italienischen Migranten in Deutschland.>> (s. Plakat  in Anlage).

Die Veranstaltungen finden am 10. September in Atena Lucana (Kampanien, Prov. Salerno), am 15. Oktober in Butera (Sizilien, Prov. Caltanissetta), am 29. Oktober in Cirò (Kalabrien, Prov. Crotone) und am 19. November in Nardò (Apulien, Prov. Lecce) statt.

Weitere Links

Diese Veranstaltungen ergänzen viele andere Initiativen, die im Zusammenhang mit dem 50-jährigen Anwerbeabkommen ergriffen wurden. Hervorzuheben sind die des Goethe-Instituts (s. unten), der deutsch-italienischen Kulturgesellschaften, des Westdeutschen Rundfunks (WDR), der unter dem Motto „Deutsche Vita“ auch ein Symposium im Haus der Geschichte am 25. August 2005 mit Bundesinnenminister Schily in Bonn durchführte (s. unten) und das Projekt eines Migrationsmuseums, das mit Unterstützung der Kulturstiftung des Bundes eine Ausstellung in Köln durchführt (s.unten).
In der Linkliste wird auch auf die Internetausstellung hingewiesen, die der Fotograf Dietrich Hackenberg in Kooperation mit dem Landeszentrum für Zuwanderung Nordrhein Westfalen und dem Westfälischen Museum für Industriekultur realisiert hat. Thema der Ausstellung ist die Arbeitsmigration aus Italien ins Ruhrgebiet von der Kaiserzeit bis Ende der 1960er Jahre.